Die erste Fußball-Bundesliga startet morgen mit einem historischen Ereignis in die Saison: Bibiana Steinhaus wird als erste weibliche Schiedsrichterin in der Geschichte des deutschen Fußballs Spiele der obersten Liga leiten. Ein Porträt, das mit ihrer Berufung im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschien, zeigt eindringlich, wie groß der Druck ist, der auf der DFB-Schiedsrichterin lastet. In dieser exponierten Position sind alle Augen auf sie gerichtet, jede ihrer Handlungen erhält eine andere Öffentlichkeit als die eines männlichen Schiedsrichters. Der beste Beweis: Als die 38-Jährige vor wenigen Tagen – am 12. August 2017 – das erste Pokalspiel des FC Bayern München pfiff, spielte ihr Bayern-Star Franck Ribéry einen Streich und öffnete beim Freistoß ihre Schnürsenkel. Steinhaus blieb souverän, ließ das Spiel weiterlaufen und signalisierte Ribéry mit einem Schulterklopfer, dass sie sich von einem Lausbuben nicht aus der Ruhe bringen lässt. Zeitgleich entbrannte in den Medien und Sozialen Netzwerken schon ein Lauffeuer, in dem sich jeder Mensch mit Internet-Zugang eine Meinung über ihre Reaktion erlaubte.

 

Damit, dass jeder Handlung eine besondere Bedeutung zugeschrieben wird, kämpfen auch immer wieder Topfrauen aus der Wirtschaft. Erinnern wir uns an das Anfang 2017 öffentlich breit getretene Ausscheiden der einzigen Frau im VW-Vorstand, Christine Hohmann-Dennhardt, nach nur einem Jahr. Die Genderforschung spricht in diesem Zusammenhang vom „Token-Phänomen“ (Begriffsklärung folgt im nächsten Absatz). Christine Draws, 50, bekleidet als erste Frau seit über 20 Jahren eine stellvertretende Bereichsleiterfunktion bei der Bayerischen Versorgungskammer und leitet dort mit rund 90 Mitarbeitern eine der größten Abteilungen, die Abteilung für Betrieb und Recht bei der Bayerischen Ärzteversorgung. Wir wollten von ihr wissen, wie sie sich in dieser Vorreiter-Rolle fühlt, wie sie dem Druck standhält und welches Rüstzeug hilft, damit umzugehen. Nebenbei haben wir auch noch über Fußball gesprochen…

 

Das Token-Phänomen: Minderheiten fallen stärker auf – Frauen an der Spitze sind deshalb extrem sichtbar und erfahren viel mehr Aufmerksamkeit als ihre männlichen Kollegen. Entstehen aber Konflikte oder unterlaufen Fehler, wiegen diese ungleich schwerer. Sofort wird in der Öffentlichkeit oder im Unternehmen darüber spekuliert, ob sie mit ihrem Geschlecht zu tun haben und darauf geschlossen, dass Frauen für Leitungsfunktionen nicht geeignet sind. So entsteht Druck. Managerinnen spüren ihn sehr deutlich und arbeiten daher daran, Fehler zu vermeiden und Vorbild zu sein. Das Token-Phänomen ist häufig Ursache, wenn Frauen früher als männliche Kollegen aufgeben und sich zurückziehen, obwohl es keinen triftigen Grund dafür zu geben scheint. Mehr über das Token-Phänomen und die besonderen Herausforderungen für Frauen in Führungspositionen gibt’s im Buch Clever aus der Abseitsfalle.

 

Interessieren Sie sich für Fußball?
Ich habe eine Dauerkarte für die Heimspiele des FC Augsburg. Ich versuche so oft wie möglich mit einer Gruppe von Freunden in der Fankurve zu stehen. Da habe ich übrigens auch schon Frau Steinhaus als Schiedsrichter-Assistentin am Spielfeldrand stehen sehen.

 

Die erste Frau in der Geschichte der 1. Bundesliga, die ab nächster Saison nicht mehr nur am Rand stehen wird, sondern als Schiedsrichterin auf dem Platz agiert – wie finden Sie das?
Längst überfällig! Frau Steinhaus war groß in den Schlagzeilen, als ihr Pep Guardiola den Arm auf die Schultern gelegt hat – das sollte nicht als einziger Eindruck von ihr haften bleiben.

 

Eingefleischte Fußballfans fragen: Kann es nicht eine letzte Sache geben, bei der wir Männer unter uns bleiben können?
Das ist schon sehr übertrieben, immerhin reden wir hier nicht von Mixed Teams, sondern von der Brückeninstanz Schiedsrichter. Dann hätte sie der DFB erst gar nicht zur Schiedsrichter-Assistentin ernennen dürfen. Frauen nur die Hilfsjobs zu geben, würde uns ja fast schon ins Mittelalter zurückwerfen. Irgendwann wird es hoffentlich auch mal im Trainerstab Frauen geben.

 

Haben Sie diese separierende Haltung von Männern auch schon mal in ihrer Position als einzige weibliche stellvertretende Bereichsleiterin bei der BVK gespürt?
Bei der BVK hatte ich dieses Gefühl bisher nicht. Aber ich war einmal als einzige Frau zu einem Business-Abendessen eingeladen, auf das ein informeller Teil in lockerer Atmosphäre folgte. Als ich mich zu den Männergrüppchen stellte, merkte ich, dass sich manche nicht trauten, so weiterzureden wie zuvor. Ich sah ihnen die Irritation darüber, dass plötzlich eine Frau zu ihrem Kreis stößt, am Gesichtsausdruck an.

 

Wie haben Sie sich in dieser Situation gefühlt?
Ich habe das mit Interesse beobachtet und mich nicht unwohl gefühlt. Aber bis zum Schluss habe ich das dann doch nicht strapaziert und bin etwas früher nach Hause gegangen.

 

In der BVK ist der Führungsanteil von Frauen auf unteren Ebenen relativ hoch, im Vorstand ist trotzdem keine Frau vertreten. Sie sind die Ranghöchste Frau bei der BVK. Bekommen sie dadurch besondere Aufmerksamkeit?
Ich habe schon gemerkt, dass sich durch den Aufstieg die Aufmerksamkeit für meine Person gesteigert hat. Zum einen bei den Mitarbeitern, die mich ansprechen und mir positives Feedback geben. Zum anderen durch ein anderes Standing beim Vorstand. Ich fühle mich in meiner Arbeit wahrgenommen – das ist die positive Seite.

 

Gibt es auch eine negative?
Das ist der gleiche Ansatzpunkt: Wahrgenommen zu werden, heißt auch unter Beobachtung zu stehen. Ich reflektiere öfter als zuvor, wie ich mich in gewissen Situationen zu verhalte habe, wie ich in die vorhandenen Verhaltensmuster passe.

 

Wie groß ist der Druck, sich als Frau an Männergepflogenheiten anzupassen?
Ich möchte mich nicht zu sehr anpassen. Mann werden kann ich sowieso nicht, also bleibe ich bewusst Frau, bevor ich unauthentisch wirke. Man muss da seinen eigenen Weg finden, aber trotzdem versuchen, kompatibel zu bleiben und nicht allzu sehr anzuecken. Ich drücke mich zum Beispiel mit meiner Kleidung individuell aus. Ich habe schon immer gerne Farbe getragen und das ziehe ich nach wie vor durch. Während Männer uniform Anzug tragen, ziehe ich auch mal ein Kleid oder einen Rock mit auffälligen Mustern an.

 

Sie sagen „ohne zu sehr anzuecken“ – wann sind Sie angeeckt?
Das hat vermutliche jede Frau schon mal erlebt, dass sie in Diskussionen emotional wird und mit der Stimme nach oben geht und dafür diese Blicke bekommt – oh Gott, jetzt wird sie zickig. Darauf passe ich auf, Diskussionen ruhiger zu führen und auf die Stimme zu achten.

 

Werden Ihre Fehler anders wahrgenommen als die von ihren männlichen Kollegen?
Eher bin ich diejenige, die sich Fehler schwerer verzeiht, weil ich denke, andere würden den Rückschluss ziehen: den Fehler hat sie nur gemacht, weil sie eine Frau ist. Dabei wird das vermutlich gar nicht der Fall sein. Das Problem ist eher, dass man anders als Männer in hohen Positionen, zusätzlich noch die Aufgabe hat, sich ständig zu reflektieren – oder meint sich reflektieren zu müssen. Das Problem steckt wohl mehr in diesem Mechanismus als in der Kritik von außen.

 

Konnten Sie diese Probleme mit jemanden teilen?
Ich hatte Unterstützung von Vorgesetzten, die mich gefördert und mir Verantwortung übertragen haben. Aber mit gewissen Fragestellungen war ich – trotz Freunden und Kollegen – oftmals alleine bzw. ich musste Entscheidungen mit mir selbst ausmachen. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich gerne einen Mentor gehabt. Deshalb habe ich mich zum Beispiel beim Mentoring-Programm „Promix“ der IHK engagiert und versucht, andere Frauen durch meine Erfahrungen zu unterstützen.

 

Was raten Sie ihren weiblichen Mentees?
Sie sollen sich nicht zu viele Gedanken darüber machen, wie und ob sie sich verändern müssen. Sie sollten Geduld haben und sich ein relativ dickes Fell zulegen. Frauen neigen oftmals dazu, sich vieles zu sehr zu Herzen zu nehmen. Das habe ich bei mir auch beobachtet und das ist auch nach wie vor präsent. Aber ich habe in dieser Hinsicht schon von Männern gelernt, kleine Rückschläge nicht so ernst zu nehmen.

 

Wie muss das Unternehmen aufgestellt sein, damit Frauen es nach oben schaffen?
Die BVK führt beispielsweise gerade ein neues Kompetenzmodell ein, um sich stärker und transparenter auf die tatsächlichen Anforderungen auszurichten. Ein Unternehmen braucht objektive Kriterien und Programme, die Frauen zu Führungspositionen ermutigen – wie zum Beispiel Mentoring. Ich werde von immer mehr Frauen angesprochen, die auf sich aufmerksam machen möchten. Da schlummert Potential, aber es ist tatsächlich noch enormer Ermunterungsbedarf da. Frauen sollten sich auf jeden Fall noch mehr gegenseitig unterstützen und ein Netzwerk aufbauen. Zudem kann nur so die Ausnahmesituation, von der wir gesprochen haben, relativiert werden.

 

Hat sich durch Ihre Berufung in die Bereichsleitung in der oberen Führungsetage etwas verändert?
Da fällt mir jetzt als erstes die Gesprächskultur ein, die sich – nicht durch mich alleine, sondern auch durch Frauen im erweiterten Führungskreis – verändert hat. Ausdrucksweisen werden überdacht. Der Umgang miteinander ist höflicher geworden, bewusster. Ich glaube, das wird auch von Männern als positiv empfunden – wenn vielleicht auch nur unterbewusst.

 

Kurve zur Fankurve: Glauben Sie, dass die Berufung von Frau Steinhaus auch den Jargon auf der Tribüne positiv beeinflussen kann?
Bei Schiedsrichter-Fehlern kommen schon sehr derbe Sprechchöre. Ich kann mir vorstellen, dass sich die Fans am Anfang noch etwas zurückhalten, aber mit der Euphorie auch die Beleidigungen wieder zunehmen – vielleicht dann in weiblicher Form. Das wird dann wahrscheinlich sehr schnell als normal empfunden werden.

 

Interview: Julia Schmid

 

Ein weiteres Interview mit einer Führungsfrau der Bayerischen Versorgungskammer findet ihr hier: Birgit Derks

 

Und hier geht’s zu unserer Keynote zur Berufung von Bibiana Steinhaus.

 

Mehr über das Thema Mentoring und Frauenförderung könnt ihr in diesem Beitrag nachlesen oder euch direkt zu Cross Mentoring über unsere Cross Consult-Homepage informieren.