Interview mit Simon Eisenried, Head of Talent Acquisition, MaibornWolff GmbH

 

Seit 2013 gestaltet Simon Eisenried bei MaibornWolff das internationale Teamwachstum. Der Vater von zwei Söhnen und Münchner hat an der Ludwig-Maximilians-Universität Soziologie studiert.

 

Im Karriere MeetUp spricht er über „Ein Jahr Office am Küchentisch“

 

Simon, Du bist bei MaibornWolff in einer strategisch wichtigen Führungsposition als Head of Talent Acquisition, Deine Frau Martina ist IT-Projektmanagerin und Ihr habt gemeinsam zwei Söhne: Janosch in der sechsten Klasse und Caspar in der dritten Klasse. Gemeinsam habt Ihr ein Jahr im Home Office verbracht. Um einen ersten Eindruck von Eurer Home Office Zeit zu bekommen: Arbeitet Ihr denn beide Vollzeit oder in unterschiedlichen Teilzeitmodellen? Welche Aufgaben und Anforderungen musstet Ihr gemeinsam unter einen Hut bringen?

 

Martina arbeitet 30h und ich arbeite normalerweise 40h. Als wir begonnen haben im Home Office zu arbeiten und unsere beiden Kinder im Homeschooling waren, sind wir auf Sicht gefahren. Das bedeutet, wir haben unseren Arbeitszeiten immer wieder flexibel der Schulsituation angepasst. Ich habe mal 20h gearbeitet, als es bei Martina stressig im Projekt war und andersherum. Den Nine to five-Job gab es damit für uns nicht. Manchmal haben wir erst am Nachmittag angefangen zu arbeiten und saßen dafür bis in die späten Abendstunden am Laptop. Neben unserer beruflichen Projektarbeit haben wir bei unseren Kindern didaktische Kniffe erprobt und uns immer wieder als Motivator versucht.

 

Wie hast du diese Home Office Zeit mit ihren ganzen ungewohnten Herausforderungen ganz generell empfunden? Eher als Belastung, oder eher als Chance um Familie und Beruf besser zu vereinbaren?

 

Gut, dass Du das mit ein wenig zeitlichen Abstand fragst. Wir mussten uns an die neue Arbeitsweise herantasten. Zuerst haben wir es als Stress empfunden, weil wir es gewohnt waren, lange Zeit konzentriert arbeiten zu können. Davon mussten wir uns verabschieden. Außerdem haben wir gelernt, uns selbst neu zu strukturieren und auch den Mut zu haben, nicht dringende Aufgaben mal nach hinten zu schieben. MaibornWolff hat uns dabei unterstützt, indem sie keinen Termindruck aufgebaut, sondern unsere eingeschränkte familiäre Flexibilität mit noch mehr Arbeitgeberflexibilität beantwortet hat.

Mittlerweile sehe ich diese Situation als große Bereicherung. Warum?

  • Ich bekomme noch intensiver die Entwicklung meiner Söhne mit und kann sie selbst mit beeinflussen.
  • Ich habe gesehen, dass mein Job auch mal mit 20h funktioniert.
  • Ich gehe BEWUSST ins Büro und nehme die Zeit dort und die Gespräche noch viel mehr als positive Impulse wahr.

 

Du und Deine Frau waren im Home Office in ganz unterschiedlichen Rollen gefordert. Einmal als Mutter bzw. Vater, aber auch als Haushaltsmanager*in und natürlich in Euren beruflichen Rollen. Wie habt Ihr die Familien-Aufgaben zwischen Euch beiden aufgeteilt? Hat sich die Aufteilung gegenüber der „normalen“ Situation davor verändert oder ist die Aufteilung zwischen Euch beiden im Wesentlichen gleich geblieben?

 

Martina und ich waren schon vor der langen Home Office-Zeit gewohnt, dass es bei uns keine klare Rollenaufteilung gibt. Wir orientieren uns häufig an dem jeweiligen Workload des anderen. Ist es bei Martina stressig, bin ich früher zu Hause und übernehme mehr Aufgaben. Dafür sitze ich mal länger am Laptop, wenn Martinas Beratungsprojekt gerade ruhiger ist. Zickig werden wir nur, wenn gerade beide viel zu tun haben. Aber da können wir uns meistens einigen.

 

Wenn alle vier Familienmitglieder permanent zu Hause sind und eigentlich ja auch noch arbeiten sollen, erfordert das ja viel Koordination und Abstimmung. Welche Stresssituationen gab es immer wieder zu bewältigen? Welche Lösungen habt Ihr denn gefunden?

 

Für uns war es der richtige Weg, offen mit der Mehrfachbelastung umzugehen. Wir haben das in unserer Familie, bei MaibornWolff und auch in unseren Arbeitsteams klar kommuniziert. Den Kolleg*innen war klar, dass ich auch mal nicht erreichbar bin, weil ich am Vormittag den Zellaufbau mit Janosch für Biologie verstehen muss und dafür am Abend etwas wegarbeite. Sich selbst den Druck zu nehmen, dass in der neuen Situation alles weiter wie davor laufen muss, ist unsere Lösung.

 

Hat sich für Euch eine Art Idealmodell für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf herauskristallisiert?

 

Die neuen Möglichkeiten, die die Remote-Arbeit und die höhere zeitliche Flexibilität mit sich bringen, werden wir nicht wieder zurückschrauben. Sie wurden Bestandteil eines für uns funktionierenden Arbeitsmodells. In unserem Idealmodell versuchen wir die Vorteile aus der klassischen Arbeitswelt mit einfließen zu lassen. Bewusst zwei Tage pro Woche im Büro zu verbringen, ergibt für uns Sinn. Das Büro ist für uns ein Ort der Begegnung. Wir genießen die Gespräche mit den Kolleg*innen und das konzentrierte Arbeiten dort. Und ganz wichtig: In unserem Idealmodell wollen wir kein vollständiges Verschmelzen von Familien- und Arbeitswelt. Flexibel arbeiten soll nicht bedeuten, dass jedes Wochenende der Laptop ausgepackt und gearbeitet wird.

 

Meistens werden ja Frauen gefragt, wie sie das eigentlich bewältigen. Die Väter werden in der Diskussion häufig vergessen. Ein Stichwort im Zusammenhang mit Vereinbarkeit ist der „mental load“, also die Aufteilung der Verantwortung und nicht nur der To-Dos. Wie habt Ihr es geschafft, eine gute, für beide tragfähige Vereinbarung zu treffen? Was kannst Du jungen Vätern diesbezüglich an Ermutigung mitgeben?

 

Wenn Väter mehr Verantwortung in der Familie übernehmen, können sich Mütter intensiver im Job einbringen. Dadurch verteilt sich der wirtschaftliche Druck auf beide Elternteile.

Ich genieße es sehr, dass Martina und ich im Job erfolgreich sind und wir uns beide wirtschaftlich für unsere Familie verantwortlich fühlen. Das entspannt mich und lässt mir mehr Raum, z.B. auch mal meine Arbeitszeit zu reduzieren und noch mehr Biologie mit Janosch zu lernen.

 

Wenn Du aus Deiner Rolle als Führungskraft auf diese Home-Office-Zeit schaust: Welche To-Dos lassen sich im Home Office sehr gut und welche nicht so einfach erledigen? Hast Du auch für die Zukunft neue Erfahrungen gesammelt, die es Müttern und Vätern leichter machen, Arbeit und Familie leichter zu vereinbaren? Was können Arbeitgeber beitragen, um jungen Familien diese Vereinbarkeit zu erleichtern?

 

Mein Job in der Talent Acquisition ist von permanenter Kommunikation geprägt. Kommunikation mit Bewerber*innen und Kolleg*innen. Mein Team arbeitet verteilt über die Standorte München, Frankfurt, Hamburg und Tunis. Viele Kolleginnen sind Mütter und arbeiten in Teilzeit. Wir waren und sind es gewohnt, uns über MS-Teams abzustimmen und digital coffees im Team zu genießen. In der Home Office-Zeit haben wir den Austausch eher noch intensiviert und uns dabei gegenseitig gestützt. Dadurch habe ich als Führungskraft nie den Kontakt zu meinen Mitarbeiter*innen verloren. Da wir alle im Home Office gearbeitet haben und jede*r alleine vor seinem Laptop saß, gab es auch keine versteckte Kommunikation, wie sie bei hybriden Termine, bei denen mehrere Menschen in einem Raum sitzen und andere sich zu schalten, häufig entsteht.

Einschränkend empfand ich den rein digitalen Austausch mit Bewerber*innen. Mir fehlten dabei ein paar Eindrücke, die ich nur im persönliche face to face-Gespräch im Büro erhalte. Z.B. gemeinsam am Whiteboard stehen, die Bewerberin mit zukünftigen Kolleg*innen zusammenbringen, unsere Cafeteria zeigen und gemeinsam einen Kaffeetratsch abhalten… Das ist remote schwer möglich. Arbeitgeber*innen sollten junge Familien ermutigen, zu ihren Bedürfnissen zu stehen und gemeinsam überlegen, wie man Arbeit und Familie in Einklang bringen kann. Um diesen Prozess anzustoßen, muss es allen Mitarbeiter*innen klar sein, dass sie offen über ihre Bedürfnisse sprechen können. Wir haben uns über Umfragen die Wünsche des Teams abgeholt. Daraus ist eine Vielzahl an Initiativen entstanden. Zusätzlich bauen positive Role Models auch im Management, wie z.B.  eine Bereichsleiterin mit Teilzeitmodell, im Team die Sorgen ab, dass Arbeiten mit eingeschränkter Flexibilität bei uns nicht möglich wäre.

 

Wenn Du für Dich auf diese Zeit schaust: Welchen Gewinn ziehst Du aus dieser langen Home Office Zeit? Was möchtest Du an der Stelle auch gerade Vätern ins Bewusstsein rufen?

 

Mit unseren Jobs in der IT sind meine Frau und ich in der privilegierten Situation eine krisensichere Aufgabe zu haben, die wir auch im Home Office bewerkstelligen können. Für mich ist es ein großer Gewinn, diese Situation nun wieder bewusster wertzuschätzen. Einige Verwandte und Freunde haben diese Zeit als viel bedrohlicher und anstrengender wahrgenommen.

Als weiteren Gewinn sehe ich es, dass, zumindest bei uns, viele alte Denkmuster wie „Effektiv kann ich nur im Büro arbeiten“, „Meine Arbeitszeit kann ich nicht reduzieren“ oder „Es ist zu viel los im Job“ aufgebrochen wurden. Das zweite Denkmuster wird gerade vielen Männern bekannt vorkommen.

 

Lieber Simon, vielen Dank für Deine Zeit und Deine offenen Worte!

 

Das Interview führte Simone Schönfeld, Geschäftsführerin von Cross Consult